Studie: Loi Hadopi kann Piraten nicht stoppen

Im vergangenen September wurde in Frankreich das Netzsperren-Gesetz Loi Hadopi eingeführt. Erklärtes Ziel war, Verstöße gegen das Urheberrecht durch illegale Downloads mittels drakonischer Maßnahmen einzudämmen: Nach drei Vorwarnungen müssen renitente Wiederholungstäter damit rechnen, dass ihnen die Internetverbindung gekappt wird. Eine nun von der Universität Rennes, der technischen Hochschule Télécom Bretagne und dem Forschungsnetzwerk Marsouin vorgelegte Studie (pdf) belegt, dass die sogenannte “Three-Strikes”-Regelung ihr Ziel verfehlt: Statt den unautorisierten Download einzuschränken, scheint sie lediglich dazu zu führen, dass die Piraten auf andere, nicht vom Gesetz abgedeckte Quellen ausweichen.

Seit der Einführung der Regelung sei die Online-Piraterie von Musik und Filmen sogar um 3% angestiegen, rechnet die Studie vor, die auf Aussagen von “2000 repräsentativ ausgewählten Befragten” in Nordfrankreich beruht. Allerdings legen die Forscher keine Zahlen über die Entwicklung der Piraterie vor Einführung des Gesetzes vor, so dass offenbleibt, ob sich das Anwachsen der Piraterie nach Einführung des Gesetzes beschleunigt oder verlangsamt hat.

Nach Auskunft der Studie umgehen die meisten Downloader die gesetzliche Reglung: Lediglich ein Drittel jener Befragten, die angaben, vor Einführung der Loi Hadopi P2P-Tauschbörsen wie etwa BitTorrent für illegale Downloads benutzt zu haben, sagten aus, dass sie sich nach Einführung des Gesetzes ganz von der Piraterie verabschiedet hätten. Der Rest ist dagegen auf andere Quellen umgestiegen und bezieht die Contents nun aus Streaming Services oder über One-Click-Hoster wie Rapidshare, die in der neuen Gesetzreglung nicht erwähnt werden.

Der auf P2P-Themen spezialisierte Blog Torrentfreak fasst die Ergebnisse der Studie wie folgt zusammen:

Overall the research seems to suggest that the looming disconnection threat has changed how and where people get pirated content, while the piracy rate itself increased.

Wie andere Studien zuvor belegt auch die Studie aus Rennes, dass diejenigen, die am meisten illegal herunterladen, auch zu den aktivsten zahlenden Online-Kunden der Content-Industrie zählen. Trennt man sie vom Netz, werden also nicht nur illegale Downloads verhindert, sondern auch digitale Käufe. Der Content-Industrie entgingen durch die Hadopi-Netzsperren bis zu 27% ihrer Kunden für Online-Verkäufe. Eine Ausweitung des Three-Strikes-Gesetzes auf die Formen der Piraterie, auf die die bisherigen P2P-Piraten auswichen, könne nach Aussage der Wissenschaftler gar die Hälfte der Online-Kunden der Content-Industrie vom Markt ausgeschlossen werden:

Les »pirates numériques« se révèlent être, dans la moitié des cas, également des acheteurs numériques (achat de musique ou de vidéo sur Internet). Couper la connexion Internet des utilisateurs de réseau Peer-to-Peer pourrait potentiellement réduire la taille du marché des contenus culturels numériques de 27%. Une extension de la loi Hadopi à toutes les formes de piratage numérique exclurait du marché potentiellement la moitié des acheteurs de contenus culturels numériques.

Ohne der Piraterie das Wort zu reden (rückständig, wie ich bin, kaufe meine Musik immer noch am liebsten auf CD oder beziehe sie als legale Privatkopie aus meinem persönlichen Umfeld): Mit ihren Versuchen, das traditionelle Geschäftsmodell durch Einschränkungen von Nutzerrechtern wie etwa DRM oder durch Lobbydruck entstandene Gesetze zu schützen, fährt die Content-Industrie (egal ob Musiklabels oder Buchverlage) auf Dauer nicht gut: Die Studie aus Rennes ist nicht der erste Beleg dafür und wird auch nicht der letzte bleiben.

Solange die Contentindustrie es durch künstliche Hürden schwerer macht, Content legal zu beziehen, als ihn zu piratieren (wie etwa diese Info-Grafik für den eBook-Kauf demonstriert), fällt es nicht schwer, das Vorgehen von Piraten zu verstehen. Die digitalen Verbreitungsmöglichkeiten zu beschränken und dabei die Sympathie der Verbraucher zu verlieren, verstellt auch die Möglichkeit, ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln, dass die neuen Chancen der digitalen Welt einbezieht: Denn die meisten dieser Geschäftsmodelle können auf die freiwillige Mitwirkung der Nutzer nicht verzichten, ob sie nun auf Patronage durch die Konsumenten oder auf einem Freemium-Modell beruhen (der beste Entwurf über alternative Geschäftsmodelle in der Contentindustrie bleibt Kevin Kellys Aufsatz “Better than Free”).  Geschäfte machen die Kunden lieber mit sympathischen und soliden Partnern als mit rohrstockschwingenden Oberlehrern.

(via Teleread, Torrentfreak, Numerama)

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