De Gruyter digitalisiert Backlist auf Zuruf

Der traditionsreiche Wissenschaftsverlag De Gruyter hat am vergangenen Freitag angekündigt, seine gesamte Backlist zu digitalisieren. Von jedem beliebigen Titel der rund 60.000 Einträge umfassenden und bis ins Jahr 1749 zurückreichenden Backlist soll auf Zuruf ein eBook im PDF-Format oder ein gebundenes Buch im Print-on-Demand-Verfahren erstellt werden. De Gruyter verspricht, das fertige Produkt innerhalb von “maximal 10 Wochen” nach Eingang der Bestellung liefern zu können. Diesen interessanten Ansatz einer Retrodigitalisierung nach Bestellung nennt De Gruyter “eBook on Demand”. So spannend und richtungsweisend die unter dem Label “De Gruyter e-dition” firmierende Initiative ist, wirft sie ein paar Fragen auf.

Die auf Anfrage erstellten eBooks sollen, wie De Gruyter-Verleger Sven Fund in einem lesenswerten Interview mit Christian von Zittwitz vom Branchenmagazin Buchmarkt ausführt, mit Merkmalen wie “600 dpi Auflösung, mit OCR [Optical Character Recognition] und DOIs [Digital Object Identifiers]” den Anforderungen wissenschaftlicher Bibliotheken genügen.

Mit dem Angebot, Backlisttitel in digitaler Form zu bestellen, wendet sich De Gruyter allerdings auch ausschließlich an Bibliotheken als Kunden, während ein physischer Reprint offenbar auch für private Endkunden verfügbar sein wird. Auf der Internetseite des Verlags heißt es unmissverständlich, jeder Titel sei “sowohl elektronisch (nur für Bibliotheken und Institutionen) als auch als Hardcover Reprint erhältlich”.

Durch eine Zusammenarbeit mit libreka, der eBook-Verkaufsplattform des Börsenvereins, werden die auf erstmalige Anfrage von Bibliotheken retrodigitalisierten Titel allerdings auch Endverbrauchern als eBooks zum Kauf zur Verfügung stehen. Der Grund für diese Einschränkung des Abnehmerkreises für die “eBooks on Demand” mag darin liegen, dass De Gruyter durch eine Verkleinerung des Kreises derer, die eine Retrodigitalisierung in Auftrag geben können, gewährleisten möchte, dass nur so viele Digitalisierungsanfragen eingehen, wie auch bewältigt werden können.

Ein anderer Grund mag mit der Preisgestaltung zusammenhängen: Ein den bibliothekarischen Standards genügendes eBook ist zweifellos aufwendig in der Herstellung – gut möglich, dass deswegen an der erstmaligen Digitalisierung ein Preisetikett hängt, das für den Verbrauchermarkt schlicht nicht geeignet wäre. Konkrete Details zur Preisgestaltung der einzelnen eBooks oder Neudrucke lassen sich aus den bisherigen Meldungen (etwa im Börsenblatt) sowie aus der bei Buchreport veröffentlichen Pressemitteilung des De Gruyter Verlags selbst nicht entnehmen.

Interessant ist überdies das Vorgehen des Verlags, wenn es um die urheberrechtliche Frage der Genehmigung einer digitalen Ausgabe durch den Rechteinhaber geht. Den Ausführungen Sven Funds im Buchmarkt zufolge, wird der Verlag nicht in jedem Fall vor der Digitalisierung die Genehmigung des Autors oder seines Rechtsnachfolgers einholen. Die nachfrageabhängige Retrodigitalisierung soll offenbar ohne Nachfrage beim Rechteinhaber erfolgen. Die Tatsache, dass die Printversion eines Werkes einst im selben Verlag erschienen ist, reicht De Gruyter offenbar als Grund zur Annahme, dass der Rechteinhaber auch die digitale Version seines Werkes in demselben Verlag veröffentlicht sehen möchte:

“Wir sind überzeugt, dass unsere Autoren ihre Rechte durch uns, mit denen sie mal einen Vertrag zu den Print-Rechten eingegangen sind, verwertet sehen wollen, und nicht durch andere. [...] Und wenn dann Autoren ihre Werke nicht als E-Book publiziert sehen wollen – was mich sehr überraschen würde -, können wir den Titel jederzeit aus dem Katalog löschen.”

Das hört sich ganz so an, als wolle De Gruyter mit seinen Backlist-Autoren ähnlich verfahren wie Google es mit seinem umstrittenen Digitalisierungsprogramm Book Search mit allen Autoren von Bücher tut, die nicht mehr im Handel verfügbar, aber noch copyright geschützt sind: Erst digitalisieren, dann fragen. Auch die Idee, das bei den digitalen Verkäufen anfallende Honorar einer Stiftung (in diesem Fall die 2006 gegründete Walter De Gruyter Stiftung) zur Verfügung zu stellen, wenn der Rechteinhaber nicht festgestellt oder erreicht werden kann, erinnert an das von Google im viel kritisierten Book Settlement vorgeschlagene Vorgehen.

Ob De Gruyter die Zustimmung seiner Autoren tatsächlich zu Recht voraussetzt, wird sich in Zukunft zeigen müssen. Aus der Tatsache, dass De Gruyter bei verwaisten Werken lediglich ein Honorar in Höhe von “5% vom Nettoerlös” der digitalen Ausgabe an die Stiftung überweisen will, suggeriert, dass auch erreichbaren Autoren ein Honorar in dieser Höhe gezahlt werden soll. Das wäre allerdings bemerkenswert wenig, liegen doch die Honorarsätze von eBooks – zumindest im Publikumsbereich – deutlich höher, nämlich zwischen 15 und 25% vom Nettoerlös.  Dies könnte, zusätzlich zum “erst Tun, dann fragen”-Ansatz Anlass zu Diskussionen mit Autoren und Agenten geben.

Diesen offenen Punkten zum Trotz ist De Gruyters Initiative ein entschlossener und auch mutiger Schritt in eine gute Richtung: Die alten Bestände nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen, sondern sie in die digitale Welt zu überführen und sie sichtbar und auffindbar zu machen (zumindest wenn die libreka-Suche funktioniert).

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