CoverSpy deckt Leseverhalten von Großstadtmenschen auf

Allenthalben wird in der Digitalisierung eine Gefahr für die Privatsphäre gesehen. Doch eine Initative des New Yorker Literaturmagazins Slice macht nun deutlich: Die zunehmende Ausbreitung von eReadern bedroht nicht die Intimsphäre der Leser, sondern den Voyeurismus des gemeinen U-Bahnpassagiers. Auf der Website CoverSpy und dem angeschlossenen Twitter-Account spähen Slice-Mitarbeiter systematisch die Lesegewohnheiten argloser New Yorker in der U-Bahn aus.

Wenig ist verräterischer als das Cover des Buches, das ein Mensch in der Öffentlichkeit liest. Der Steppenwolf: “Pubertät hält an”, Molloy: “interessant mit Hang zum Poser”, Die Säulen der Erde: “nennt sich selbst Leseratte, stolz, keine Angst vor dicken Büchern zu haben”,  Warum Männer nicht zuhören und Frauen…: “zu lange in einer Beziehung, unleidlich”, Scarlett: “Eieiei”. Die Botschaft, die der Lesestoff über den öffentlichen Leser mitteilt, schwankt zwischen bewusstem Statement und naiv zugelassenem Einblick mit Tiefenwirkung. Das Cover des in der Öffentlichkeit aufgeschlagenen Buches ist halb Statussymbol, halb entschlüpftes Bekenntnis. Die Reaktion der Umwelt liegt entsprechend den eigenen Vorlieben zwischen Fremdscham und Annäherungsversuch.

Mit dem Aufkommen von eReadern fürchten die Cover Spies um diese indiskreten und reizvollen Einblicke ins Wesen ihrer Mitmenschen: Die einförmige, opake Rückseite der digitalen Lesegeräte lässt nicht mehr ahnen, in welche Leselandschaften die Augen des Passagiers gegenüber versunken sind. Um auf diese Gefahr aufmerksam zu machen, twittern die urbanen Agenten nun, was die Passagiere und Passanten lesen, und fügen noch einige Details über Kleidung und Habitus der Zielperson hinzu. Das sieht dann etwa so aus:

East of Eden, John Steinbeck (M, 20s, curly hair/Dave Eggers look alike, Q train at 55th St.) http://bit.ly/9MfIZr #coverspy

Extremely Loud and Incredibly Close, Jonathan Safran Foer (F, 20s, shiny black headband, F train) http://bit.ly/cygAhH #coverspy

Auf diese Weise wollen die Betreiber von CoverSpy ein wenig der flüchtigen Intimität unter anonymen Passanten bewahren. In der Ausbreitung der eReader liegt für sie kein Fortschritt, sondern soziale Kälte. Cnet zitiert die CoverSpy-Gründerin Amy Sly wie folgt:

“We were lamenting the prevalence of e-readers spotted on our train rides and what a bleak commute it would be if all of the book covers were replaced with blank e-reader covers,” Sly said of the project’s beginnings last October. “For one thing, it’s always been fun to see what everyone’s reading around you–and it’s especially interesting how they’re not always the books that are making headlines at the moment. And also because we each had a story about a time a conversation started with someone we didn’t know because of the books we were holding in our hands.”

CoverSpy will seinen Dienst zukünftig auf weitere Städte ausdehnen. Sind wir dann hier noch sicher? Wir raten zu Desinformation: So ein Molloy-Umschlag passt auch trefflich auf manche mindere Ware. Die Dinger heißen nicht umsonst Schutzumschlag.

(via Teleread, cnet)

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