Verlage begrüßen iPad, iBooks, iDRM

Apples in der vergangenen Woche vorgestellter Tabletcomputer iPad präsentiert sich auch als Alternative zu gängigen eInk Lesegeräten wie dem Sony Reader, dem txtr-Reader und Amazons Kindle. Mit iBooks verfügt Apples Gerät über eine eingebaute eBook-Lese- und Verwaltungssoftware und einen Online-Buchladen. In ersten Reaktionen begrüßen Verleger und der Börsenverein das Gerät enthusiastisch. Doch im Unterschied zu offenen Geräten könnte die geschlossene Plattform des iPad sowohl für Verbraucher wie für Verlage auf lange Sicht unbequem werden.

Wie das britische Branchenmagazin The Bookseller berichtet, waren die Reaktionen von Verlegern auf das iPad geradezu überschwänglich:

“Publishers have welcomed the launch of Apple’s iPad as an »important step« in the transition towards digital books, with one branding it »the most significant development yet«. Dan Franklin, digital editor at Canongate, said: »I sat there and thought ‘this is what we’ve been waiting for’.« John Makinson, chief executive at Penguin, said the announcement represented “an important step in the development of a digital audience for books«.”

Für die – vorerst nur in den USA verfügbare – eBook-Software des Geräts arbeitet Apple mit fünf Branchenriesen zusammen: Von den Big Six fehlt bei iBooks allein Random House.  Hachette, Penguin, Simon & Schuster, Macmillan und HarperCollins sind mit im Boot. Weitere Verlage werden mit großer Sicherheit folgen. Der Enthusiasmus der Verleger beruht vor allem darauf, dass sie durch die hohe Attraktivität des Gerätes einen Zuwachs von potenziellen eBook-Käufern erwarten.

Entsprechend äußerte sich auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in einer Pressemitteilung. Man sei “davon überzeugt, dass das E-Book die Lesekultur fördert und das Prinzip Buch auch bei neuen Leserschichten populär macht. ” Gleichwohl betont der Börsenverein, “dass keine künstlichen Barrieren durch geschlossene Shopsysteme” geschaffen werden dürften: “Nur der Wettbewerb vieler Verlage und Handelspartner sichert die kulturelle Vielfalt des Buchmarkts”. iBooks  erwähnt der Börsenverein in seinem Statement konsequenterweise mit keiner Silbe und verweist stattdessen auf die bisher weitgehend erfolglose Eigenentwicklung libreka.

Tatsächlich sind die Bedenken des Börsenvereins gegen “geschlossene Shopsysteme” nicht von der Hand zu weisen. Zwar setzt Apple anders als Amazon nicht auf ein proprietäres Ebookformat, sondern auf das offene epub-Format. Und offensichtlich soll die Apple-eigene iBook-App zumindest nicht vom Start weg Konkurrenzapps ausschließen: Wie aus einer Pressemitteilung des Berliner eReader- und eBook-Plattform-Anbieters txtr hervorgeht, wird es auch Apps anderer Ebook-Anbieter geben: txtr hat zumindest angekündigt, dass es eine txtr-App auf dem iPad geben wird. Diese würde von Anfang an auch deutschsprachige Bücher auf Apples Tablet verfügbar machen. Man wird freilich abwarten müssen, ob Apple auf lange Sicht das Angebot solcher Konkurrenz-Apps einschränken wird. Denn als alleiniger Torwächter kann Apple darüber bestimmen, welche Apps auf dem iPad laufen dürfen.

Die wirklich spannende – und auch für Buch- und Presseverlage höchst relevante – Neuerung des iPad besteht meiner Ansicht nach darin, dass es das bisher auf den mobilen Bereich beschränkte App-Modell auf ein Gerät ausweitet, das vom Anspruch her einem Netbook zumindest nahesteht. Zwar erlaubt das iPad, wie Matthias Schwenk in einem lesenswerten Beitrag auf Carta schreibt, neben der Nutzung von Apps gleichzeitig den freien Zugriff ins Web per Browser. Andererseits pusht es das App-Modell.

Von Netbooks und ähnlichen tragbaren Kleincomputern war man bisher gewohnt, dass man einen freien, allein browserabhängigen Zugang zum Web hatte. Apple weitet die App-Kampfzone nun über Smartphones hinaus aus – und schränkt damit die Freiheit der Nutzer ein. Apps sind zwar in vielerlei Hinsicht nutzerfreundlich, haben es aber auch an sich, den Nutzer zu gängeln: Er kann sich nicht im Netz frei bewegen, sondern nur auf den Schienen, die das App legt. Wenn sich das iPad in dem Maße durchsetzt, wie es Apples Marktmacht und der Erfolg seiner letzten Produktreihen vermuten lässt, werden viele Nutzer sich daran gewöhnen, nicht mehr browsergestützt, sondern App-geführt aufs Internet zuzugreifen.

Das ist für Contentanbieter einerseits begrüßenswert, denn so können sie den Zugang zu ihrem Angebot besser kontrollieren und sich leichter bezahlen lassen. Dies ist der Grund dafür, dass insbesondere Zeitungsverlage an App-Lösungen äußerst interessiert sind: Von ihnen versprechen sie sich eine Möglichkeit, Paid Content durchzusetzen – was im freien Web im Großen und Ganzen gescheitert ist. Andererseits ist der Torwächter der Torwächter Apple selbst. Denn Apple bestimmt, welche Apps laufen dürfen, welche nicht.

Defective by Design, die Anti-DRM-Plattform der Free Software Foundation, verurteilt unter anderem aus diesem Grund Apples iPad. Anlässlich der Produktpräsentation des iPad machte Defective by Design seinen Bedenken durch Proteste Luft und sammelt nun Unterschriften gegen Apples DRM. In einem Rundschreiben fasst Defective by Design die Gefahren der geschlossenen Plattform für Nutzer zusammen:

“This summer we saw the dangers of DRM on ebook readers, when Amazon deleted hundreds of copies of George Orwell’s 1984 from readers’ computers while they slept. Applying this control to a general purpose computer marketed especially for media distribution is a huge step backward for computing, and a blow to the media revolution that happened when the web let bloggers reach millions without asking for permission. DRM and forced updates will give Apple and their corporate partners the power to disable features, restrict competition, censor news, and even delete books, videos, or news stories from users’ computers while they sleep– using the device’s »always on« network connection. Apple can say they will not abuse this power, but their record of App Store rejections gives us no reason to trust them. The Apple Tablet’s unprecedented use of DRM to control all capabilities of a general purpose computer is a dangerous step backward for computing and for media distribution”.

Nicht allein den Verbrauchern drohen Einschränkungen und Übergriffe, sondern auch Apples Kooperationspartnern aus der Medienbranche. Selbst die Branchenriesen riskieren bei einer Zusammenarbeit mit Apple, in Abhängigkeit von einem Partner zu geraten, der zu einer ganz anderen Gewichtsklasse gehört.

Apple hat bereits die Muskeln spielen lassen, indem es den Verlag McGraw Hill – wahrlich kein Zwerg in der Branche – bei seiner Präsentation aus der Reihe der mit iBooks kooperierenden Verlage rausschmiss (ob dies auch einen Ausschluss aus dem Kooperationsprogramm selbst bedeutet, ist noch unklar). Dessen Verleger Harold McGraw III hatte einen Tag vor dem iPad-Launch ausgeplaudert, dass man mit Apple über eine Zusammenarbeit im eBook-Bereich spreche. Und wer wann was reden darf, bestimmt schließlich Apple.

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2 Kommentare zu “Verlage begrüßen iPad, iBooks, iDRM”

  1. Lesender

    Ich freue mich sehr, wenn das Apple ipad in Deutschland zu kaufen ist. Ich lese für mein Leben gern und seit einem Jahr habe ich die eBooks entdeckt und sogar einen Bolg über dieses Thema gebaut. Es kommen spannende Zeiten auf uns zu. Ich freue mich.

  2. publishblog.de » Nach dem iPad-Event

    [...] Ausweitung der „App-Kampfzone“ (Thomas Rohde) sowie der Einsatz eines vermutlich proprietären Digital-Rights-Management-Systems bei den [...]

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