Nachgerechnet: Das “Jahrhundertprojekt” Deutsche Digitale Bibliothek

Als “Jahrhundertprojekt” hat der Staatsminister für Kultur und Medien Bernd Neumann die vor wenigen Tagen avisierte “Deutsche Digitale Bibliothek” (DDB) bezeichnet. Wer nachrechnet, stellt fest: Der Mann hat Recht. Schade, dass wir in hundert Jahren nicht mehr leben werden, um die DDB in Vollendung zu sehen.

Die Proteste von Börsenverein, Justizministerium und Kanzlerin gegen das Google Book Settlement sind erhört worden. In seiner überarbeiteten Version sieht der Einigungsvertrag zwischen US-amerikanischen Verleger- und Autorenverbänden auf der einen und Google auf der anderen Seite vor, dass nur noch Bücher, die in den USA urheberrechtlich registriert oder in Kanada, Australien oder Großbritannien erschienen sind, in Googles digitale Bibliothek aufgenommen werden dürfen. Deutschsprachige Bücher bleiben also im großen und ganzen außen vor. Dem bestehenden Urheberrecht ist Genüge getan, und man darf hierzulande noch ein wenig im 20. Jahrhundert leben: Wer lesen will, möge sich in den Lesesaal bequemen, wer Texte suchen will, möge den OPAC-Terminal benutzen, und wer Texte durchsuchen will, möge, nun ja, Seiten umblättern.

Doch die nun annoncierte öffentliche Digitaloffensive DDB weckt die Hoffnung, dass das Wissen des Papierzeitalters doch noch für unsere digitale Gegenwart und Zukunft zugänglich wird. Die Regierung will sich nicht länger von einem Internetkonzern vormachen lassen, wie’s geht. Von Mitte 2011 an wird nun selbst digitalisiert: Die DDB soll über ein zentrales Portal die Bestände von über 30.000 öffentlichen Einrichtungen online verfügbar machen. Damit will die Bundesregierung ihren Teil zum EU-Bibliotheksprojekt Europeana leisten. In vielleicht gar nicht allzu ferner Zukunft wird man dort also vielleicht sogar Texte von so entlegenen Autoren wie Franz Kafka finden.

Eine weitere Nachricht, mit der der BKM erfreut, ist, dass die DDB im Gegensatz zum privatwirtschaftlichen US-Vorbild die Autoren und Verleger der zu digitalisierenden Werke konsultieren will, bevor digitalisiert wird. Die bemerkenswerte Effektivität von Googles Buchprojekt – im Oktober dieses Jahres lag die Zahl der bei Google Books verfügbaren Bücher Sergey Brin zufolge bereits bei 10 Millionen – liegt zum Teil auch daran, dass Google sich den äußerst zeit- und kostenintensiven Arbeitsschritt der Suche nach und Abstimmung mit den Rechteinhabern spart. Die öffentliche Hand kann sich einen so großzügigen Umgang mit urheberrechtlichen Bestimmungen natürlich nicht erlauben. “Im Unterschied zu Google werden bei der DDB die Rechte-Inhaber zuerst gefragt und dann wird gehandelt – dokumentiert und jederzeit nachvollziehbar”, betont Neumann.

Google äußert sich nicht konkret über den Umfang seines Investments in das Projekt, dem die DDB Konkurrenz machen will. Schätzungen gehen aber davon aus, dass der Internetkonzern bislang allein für das Einscannen um die $300 Millionen in das Projekt gesteckt haben muss. “Niemand außer Google ist reich genug, um in diesem massiven Umfang in Digitalisierung zu investieren”, hat der Direktor der Universitätsbibliothek von Harvard, Robert Darnton, mit Bedauern festgestellt. Obwohl der Aufwand, den die DDB betreiben will, also sehr viel größer ist, ist ihre Investitionssumme sehr viel überschaubarer: Für die zentrale Infrastruktur sollen Regierungsangaben zufolge nach einer Anschubfinanzierung in Höhe von 5 Mio. Euro jedes Jahr insgesamt 2,6 Mio. Euro zur Verfügung gestellt werden. Weitere Mittel zur Digitalisierung will man auch von “privaten Geldgebern” einwerben.

Die genannten Summen sind nachgerade anrührend klein. Der Bundeskulturminister will die digitale Universalbibliothek am Pappenstiel. Gemessen an Googles Investition könnte es also durchaus sein, dass – wie Neumann rühmt – ein “Jahrhundertprojekt” aus der DDB wird: In 100 Jahren wäre man in etwa in der Größenordnung dessen, was Google bisher investiert hat. Dabei dürfte ein Löwenanteil dieser Summe allein für die anfallenden Recherche- und Verwaltungsarbeiten bei der Suche nach den Rechteinhabern draufgehen. Die Anzahl zugänglich gemachter Werke müsste dementsprechend weit hinter dem zurückbleiben, was Google bisher bereits ermöglicht hat.

So löblich der Ansatz der Bundesregierung ist, das “kulturelle Erbe in öffentlicher Verantwortung” zu behalten, wäre nachzurechnen, ob dem Allgemeinwohl nicht besser durch eine Urheberrechtsreform gedient wäre, die etwa festlegt, dass vergriffene Werke von öffentlichen Bibliotheken auch online verfügbar oder zumindest durchsuchbar gemacht werden dürfen – bei entsprechender Entschädigung für die Rechteinhaber über die Verwertungsgesellschaften.

Wünscht man sich eine öffentliche Bibliothek im Netz, so ist der Staat eben nicht nur als Investor gefragt. Vor allem wäre eine Überarbeitung des Urheberrechts vonnöten, die das Ziel des öffentlichen Bibliothekssystems, die Zugänglichmachung und Bewahrung von Wissen, nicht dort begrenzt, wo die analogen Möglichkeiten bisher praktische Grenzen gezogen haben. Eine öffentliche digitale Bibliothek muss auf rechtlichen Grundlagen beruhen, mit denen sie ihre Aufgaben gegenüber der Allgemeinheit auch im Netz erfüllen kann. Wenn die Berliner Politologin und Netzforscherin Jeanette Hofmann ein “Googlegesetz” fordert, kann man ihr deshalb nur zustimmen.

Einstweilen bleibt aber noch etwas Bedenkzeit: Der Bund nimmt noch anderthalb Jährchen Anlauf, bevor er zum “Quantensprung in der Welt der digitalen Information” (Neumann) ansetzt: Erst ab 2011 soll die DDB in den “Pilotbetrieb” gehen. Nach anderen Angaben aus derselben amtlichen Quelle soll im gleichen Jahr gar der “Dauerbetrieb” starten. Der Pilotbetrieb als Dauerbetrieb: Soviel Beta-Mentalität hätte den Behörden wohl bisher niemand zugetraut.

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2 Kommentare zu “Nachgerechnet: Das “Jahrhundertprojekt” Deutsche Digitale Bibliothek”

  1. publishblog.de » Lesetipps: Digitalisierung am Pappenstil für flache Lektüren

    [...] bewegliche lettern rechnet nach und kommentiert das ‚Jahrhundertprojekt’, als welches der Staatsminister für Kultur und Medien Bernd Neumann vor wenigen Tagen die ‘Deutsche Digitale Bibliothek’ (DDB) vorstellte. Dabei stellt Thomas Rohde fest, dass das durchaus wörtlich zu vertehen ist: „Obwohl der Aufwand, den die DDB betreiben will, also sehr viel größer ist, ist ihre Investitionssumme sehr viel überschaubarer […] Gemessen an Googles Investition könnte es also durchaus sein, dass – wie Neumann rühmt – ein ‘Jahrhundertprojekt’ aus der DDB wird: In 100 Jahren wäre man in etwa in der Größenordnung dessen, was Google bisher investiert hat. Dabei dürfte ein Löwenanteil dieser Summe allein für die anfallenden Recherche- und Verwaltungsarbeiten bei der Suche nach den Rechteinhabern draufgehen. Die Anzahl zugänglich gemachter Werke müsste dementsprechend weit hinter dem zurückbleiben, was Google bisher bereits ermöglicht hat.“ [...]

  2. BnF vs. DDB – 150 : 5 – bewegliche lettern

    [...] Nachgerechnet: Das “Jahrhundertprojekt” Deutsche Digitale Bibliothek [...]

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