Google wird Buchhändler

Google wird ab Mitte 2010 in den USA und Europa Bücher aus den Beständen des Google-Editions-Projekts zum Kauf anbieten. Dies kündigte eine hochrangige Sprecherin des Unternehmens auf der Tools of Change Konferenz am vergangenen Dienstag in Frankfurt an und konkretisierte damit die Vision, die Google-Book-Search-Chef Dan Clancy bereits im Juli präsentiert hatte.

Google Editions ist eine Erweiterung des Partnerprogramms, mit dem Google Verlagen und Autoren ermöglicht, ihre Publikationen durchsuchbar zu machen und Nutzern in begrenztem Umfang anzuzeigen. Es handelt sich bei den in Google Editions enthaltenen Publikationen also zunächst nicht um die im umstrittenen Google Book Settlement thematisierten vergriffenen und verwaisten Werke.

Zusätzlich zur Durchsuchbarkeit und ausschnittsweisen Anzeige sollen die in Google Editions angebotenen digitalen Texte ab Mitte nächsten Jahres auch verkäuflich werden. Nutzer sollen auf Texte, die sie erworben haben, ‘in the cloud’, also durch Onlinezugriff von einem beliebigen PC oder eReader aus zugreifen können. Gleichzeitig werde eine Kopie des Textes lokal abgespeichert, so dass auch ohne bestehende Onlineverbindung weitergelesen werden kann. Wie dies technisch im Detail aussehen wird, ist noch klärungsbedürftig. Wahrscheinlich wird die skizzierte lokale Speicherung auf Google Gears beruhen.

Googles Director of Strategic Partnerships, Amanda Edmonds, betonte einem Bericht des britischen Branchenmagazins “The Bookseller” zufolge, dass Google Editions die Nutzer nicht auf bestimmte Geräte, Software oder Händler festlegen wolle. Stattdessen setzt der Suchmaschinenkonzern darauf, sein Buchangebot auf verschiedenen Endgeräten und über verschiedene Handelskanäle zugänglich zu machen.

So sollen die digitalen Texte aus Google Editions nicht nur direkt über Google Books, sondern auch über kooperierende Onlinehändler oder direkt über die Websites der teilnehmenden Verlage bezogen werden können. Dabei unterschiedet sich die Aufteilung der Erlöse: Beim Kauf über Google Books gibt Google 63% der Einnahmen an den Rechteinhaber weiter und behält 37% ein. Dieser Split ist bereits aus dem Book Settlement bekannt, wo er für die Verwertung vergriffener und verwaister Werke ins Spiel gebracht worden war. Beim Kauf über einen Online-Händler erhält der Rechteinhaber dagegen 45%, die übrigen 55% teilen sich der Händler und Google. Auch hier sind nach Edmonds Aussage noch Details zu klären.

Interessant ist die Ankündigung, dass sich Google vorbehalte, die Bücher gegenüber dem Listenpreis zu reduzieren, soweit dem nicht lokale Bestimmungen entgegenstünden (wie die Buchpreisbindung in Deutschland). Allerdings wolle Google die Mindereinnahmen durch die Preisreduktion auf die eigene Kappe nehmen und den Rechteinhaber vergüten, als wäre das Buch zum Listenpreis verkauft worden. – Man darf gespannt sein, wie lange sich solche großzügigen Zusagen angesichts der zu erwartenden bedeutenden Marktmacht Googles halten werden.

Google plant nach Edmonds Aussage auch, mit Hardwareherstellern zusammenzuarbeiten. Dabei dürfte Sony, das sich in der Auseinandersetzung um das Book Settlement an die Seite Googles geschlagen hatte, deutlich bessere Chancen haben als Amazon mit seinem Kindle. Nicht nur, weil der Kindle als geschlossenes, an ein bestimmtes Format und einen spezifischen Shop angebundenes System im Widerspruch zur von Google skizzierten Plattformunabhängigkeit steht. Auch die Auseinandersetzung mit Amazon im Book Settlement-Streit mag Googles Lust auf eine Zusammenarbeit mit dem Onlinehandelsgiganten geschmälert haben. Amanda Edmonds bezweifelte vernehmlich, dass Amazons Kindle für Google Editions das Gerät der Wahl sei.

Auf Fragen zum Book Settlement ging Edmonds bei ihrem Vortrag nach dem Bericht des Bookseller nicht ein. Klar dürfte aber sein, dass auch die vom Settlement betroffenen vergriffenen und verwaisten Publikationen mit in den Warenkatalog des entstehenden neuen Buchhandelsgiganten Google aufgenommen werden, sobald eine juristisch tragfähige Grundlage dafür besteht. Damit bestätigt sich auch Lawrence Lessigs Einwand gegen das Google Book Settlement, der in einem Vortrag im Juli kritisiert hatte, dass Google Books nicht auf der Logik einer Bibliothek, sondern auf der eines Buchhändlers basiere:

“We’re building into this not so much a digital library but a digital bookstore.”

Infotopia, so scheint es, wird allenfalls in Googles weltumspannender Shopping Mall stattfinden.

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