Lawrence Lessig über das Google Book Settlement

In einem Vortrag für das Berkman Center for Internet & Society der Harvard University hat Lawrence Lessig davor gewarnt, dass das Google Book Settlement den Zugang zu Literatur kurzfristig zwar erleichtern, langfristig jedoch erschweren wird. Lessig sprach davon, dass sich die “Ökologie des Werkzugangs” (“ecology of access”) durch die Regelung grundsätzlich zu verschieben droht.

Während im traditionellen System die Bibliotheken gewährleisten, dass man zu jedem literarischen Werk freien Zugang hat, wird das Google Book Settlement seiner Ansicht nach dazu führen, dass der Zugang zu jenen Werken, die weder in gedruckter Ausgabe verfügbar noch gemeinfrei sind, durch überkomplexe Bestimmungen letztlich der Nutzung entzogen werden.

Lessig verglich die Situation, die durch das Settlement entsteht, mit der komplizierten Rechtslage bei Dokumentarfilmen: Die einzelne Bestandteile, aus denen diese sich zusammensetzen, etwa Ausschnitte aus Nachrichtensendungen oder anderen Quellen, werden jeweils einzeln durch unterschiedliche Lizenzabkommen mit unterschiedlichen Laufzeiten geschützt, so dass nach Ablauf der ursprünglich ausgehandelten Lizenzlaufzeit ein immenser Aufwand zur Neulizenzierung ansteht, wenn man den Dokumentarfilm auch weiterhin verfügbar halten will. Durch das Book Settlement wird nach Lawrence Lessigs  Ansicht eine vergleichbar komplizierte Lizenzierungssituation für verwaiste Werke geschaffen, die einen unverhältnismäßigen Verwaltungsaufwand erfordert:

“The problem here is that the settlement pushes us towards a radically different kind of ecology. […] Here is my fear: That this agreement with the largest and most important information technology company we’ve got and the two presumptive rights players here, publishers and authors, moves us down a path where books become documentary films. Where the ecology of access we have to books in the future is like the ecology of access we have to documentary films today. Which means that we don’t have access in the traditional sense of guaranteeing [that] we’ve got access. [Instead] we’ve got access that’s encumbered by a bunch of agreements that don’t ever build into their architecture the theme that we must guarantee at some point free access to this culture. We’re building into this not so much a digital library but a digital bookstore.”

Auch wenn Lessigs Sorge der Zugänglichkeit durch Nutzer gilt, deren Rechte er in der Konstellation des Settlements nicht repräsentiert findet, redet er nicht einer copyrightfreien Situation das Wort. Lessig betont, dass die Balance zwischen den Interessen der Wirtschaft (Limitierung des Zugangs) und den Interessen der Nutzer (Zugangsmöglichkeit) sich in der digitalen Welt verschoben hat, so dass ein neues Gleichgewicht gefunden und dazu auch das Urheberrecht reformiert werden muss:

“Think about how we are going to restrike a balance in the digital world that gives us something like the value of the balance that was struck in the physical world, a balance between what I think of as the commercial life of published works and the beyond-the-commercial life of published works. […] The problem in the digital world is that free space disappears because every single thing you do with copyrighted work in a digital environment triggers copyright law in theory because it produces a copy. […] What do we do to recreate this balance how do we structure a legal regime to give us both the commercial opportunity where that’s necessary and the free access where that commercial opportunity is no longer necessary.”

Der gesamte Vortrag kann auf der Website des Berkman Center als Audiofile (MP3 oder OGG) heruntergeladen werden. (Wer einmal Lessigs Präsentationen gesehen hat, wie etwa seinen Berliner Vortrag “The Search for a Moose“, wird bedauern, dass die Bilder zu Lessigs Vortrag nicht mitgeliefert werden. Das Gelächter des Publikums zeigt, dass sie es wert gewesen wären. Vielleicht stellt Lessig seine Berkman-Center-Präsentation ja auch noch auch seinem Kanal bei blip.tv ein)

(via teleread)

Update 13.08. 22:19h: Lawrence Lessig hat seinen Vortrag über das Google Book Search Settlement nun auch als Video zugänglich gemacht.

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2 Kommentare zu “Lawrence Lessig über das Google Book Settlement”

  1. Joachim Güntner

    Sehr verdienstvoll, dieser Hinweis auf Lessig, lieber Herr Rohde. Die Essenz liegt, wie auch der Perlentaucher richtig bemerkt hat, in dem Satz: “We’re building into this not so much a digital library but a digital bookstore.” Kein Wunder, dass die amerikanischen Verleger dem Google Settlement immer freundlicher gegenüberstehen. Sie haben’s begriffen. Die deutschen noch nicht.

  2. links for 2009-08-17 : Bibliothekarisch.de

    [...] Lawrence Lessig über das Google Book Settlement — bewegliche lettern (tags: googlebooks googlesettlement lawrence_lessig copyright Urheberrecht zugang information 08/2009 2009) [...]

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