Vodafone bringt E-Reader. Sascha Lobo verzückt.

Mit Vodafone steigt ein erster Mobilfunkprovider ins E-Book-Geschäft ein. Zeitgleich mit der Ankündigung, ab Herbst einen eigenen E-Reader anzubieten, startet Vodafone eine Werbekampagne, in der einige Protagonisten der Blogosphere im Mittelpunkt stehen. Ein Anzeichen, dass man sich auch um Content-Produzenten bemühen wird?

Es ist ein wenig untergegangen. Dabei stehen die Chancen gut, dass sich diese Nachricht als überaus folgenreich für den E-Book/E-Reader-Markt und die Buchindustrie insgesamt erweisen wird: Vodafone wird, wie die Handelsblatt die Wirtschaftswoche schon vor etwas über einer Woche berichtete, einen eigens für das Unternehmen produzierten E-Reader anbieten – und zwar bereits ab Herbst.

Nicht vollkommen überraschend folgt dies auf die Meldung, dass Amazons Kindle in Deutschland vorerst nicht an den Start gehen wird: Nachdem die Suche nach einem Mobilfunkpartner ergebnislos geblieben war, hatten Beobachter bereits vermutet, dass hinter der ablehnenden Haltung der Mobilfunkprovider auch Pläne stecken könnten, mit einem eigenen Lesegerät auf den Markt zu kommen. Vodafones Ankündigung bestätigt dies nun. Und es ist damit zu rechnen, dass andere Mobilfunkprovider nachziehen werden.

Mit den Mobilfunkprovidern tritt ein neues Schwergewicht in die Runde derer, die sich mit dem Medienwandel in der Buchindustrie auseinandersetzen. Es ist zu erwarten, dass die Mobilfunkbetreiber als neue Player neben Hardwareanbietern wie Sony und Wizpac, Online Services wie textunes und Scribd, dem Buchhandel und den Verlagen ganz eigene Impulse in die Entwicklung und Durchsetzung von E-Readern und E-Books einbringen werden:

  • Die Mobilfunker haben große Erfahrung darin, ihre Dienste und Geräte zu verbreiten – und eine entsprechende Marktmacht. Dies dürfte die Verbreitung von E-Readern und E-Books insgesamt beschleunigen.
  • In der Mobilfunkbranche hat sich, vor allem bei der Datenübermittlung, das pauschale Abrechnungssystem über Flatrates durchsetzen können – in letzter Zeit auch im Zusammenhang mit dem Angebot von Contents: Etwa die Nokia Musik-Flatrate. Dass nun ein einflussreicher Agent mit einem Hang zur Flatrate auf dem E-Book/ E-Reader-Markt mitmischt, dürfte das Gleichgewicht zugunsten von Flatrate-Bezahlmodellen auch für literarische Contents verschieben.
  • Der Sony-Reader wird über den Buchhandel vertrieben. Dass auch Vodafone diesen Vertriebskanal nutzen wird, statt seinen Reader in den eigenen Läden und in Elektromärkten zu verkaufen, erscheint mir unwahrscheinlich. Dies dürfte den Einfluss des Buchhandels und der traditionellen Buchvertriebsstrukturen insgesamt auf den Vertrieb von E-Readern und E-Books schwächen.
  • Da das Angebot eines E-Readers für Mobilfunkbetreiber nur dann sinnvoll ist, wenn die Kunden das Mobilfunknetz tatsächlich nutzen, um Inhalte auf ihren Reader zu laden, werden Mobilfunkbetreiber Kooperationen mit Inhaltsanbietern suchen oder selbst ihr Geschäftsfeld in Richtung auf das Anbieten von Inhalten erweitern.

Deutlich sichtbar streckt Vodafone derzeit die Fühler nach der  Kreativszene der Blogosphere aus – und damit nach potenziellen Produzenten für E-Book-Content. In einer jüngst gestarteten Werbekampagne, die auf den ersten Blick gar nichts mit den E-Reader-Plänen des Unternehmens zu tun hat, lässt Vodafone den Alpha-Blogger Sascha Lobo auftreten. Lobo spricht da in genretypischer Ja-die-Yogurette-Spontaneität verzückt von einer “Generation Upload“, wofür er von einigen Bloggerkollegen übelst aufs Korn genommen wurde.

Man kann in dieser Annäherung Vodafones an die Bloggerszene mehr sehen als nur Imagewerbung: Mit dieser Werbekampagne stellt Vodafone immerhin einen Bestsellerautor in den Mittelpunkt und demonstriert so Nähe zum Literaturbetrieb: Schließlich hat man mit Lobo schon einen Autor unter Vertrag (wenn auch nicht als Autor, dann doch immerhin als Werbespotstar).

Man darf gespannt sein, ob sich das Mobilfunkunternehmen in der kommenden Zeit weiter dem Literaturbetrieb annähern wird: Vielleicht kauft man ja schon bald nicht nur Autoren für Werbekampagnen, sondern als Autoren? Oder greift gleich zu ganzen Verlagen, um den eigenen Reader mit deren Büchern zu befüllen?

Eine Ausweitung des Geschäftsfeldes in Richtung auf die zum E-Reader passende Software wäre jedenfalls nur folgerichtig. Und Verlage aufzukaufen, um ihnen dann vorgeben zu können, zu welchen Konditionen sie ihre Bücher als E-Books anbieten, wäre aus Mobilfunkprovider-Sicht jedenfalls eine pragmatische Methode, dem E-Reader-Angebot zu einem attraktiven Softwarekatalog zu verhelfen. Es wäre bestimmt nicht schwierig, Verlage zu finden, die sich gern von so finanzkräftiger Seite beistehen ließen.

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4 Kommentare zu “Vodafone bringt E-Reader. Sascha Lobo verzückt.”

  1. Thomas Kuhn

    Originalquelle der Vodafone-Nachricht ist nicht das Handelsblatt (das unsere Meldung nur übernommen hat), sondern die WirtschaftsWoche.
    Hier der korrekte Link: http://www.wiwo.de/unternehmer-maerkte/vodafone-will-im-herbst-mit-lesegeraet-fuer-e-books-punkten-401952/

  2. Thomas Rohde

    Danke für den Hinweis, lieber Thomas Kuhn – habe die Korrektur in den Text übernommen.

  3. Sabine

    Lesenswerter Artikel! Meines Erachtens sollte bei den Online Services jedoch auch XinXii (www.xinxii.com) erwähnt sein, da die Plattform in Deutschland Vorreiter in Sachen “veröffentlichen im Internet” war.

  4. Ricarda

    Also in meinen Augen war schon das ganze Theater um den Kindle von Amazon ein deutliches Zeichen, dass diese Geräte einfach (noch) keinen Platz haben. Ich glaube nicht, dass Vodafone damit sonderlich erfolgreich sein wird. Diese Kampagne von wegen Generation Upload ist ja auch schon ordentlich nach hinten losgegangen. Wem wollen die also ihre Geräte verkaufen?!

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