Über bewegliche lettern

Die Einführung von E-Books wird die Literatur und die Buchindustrie tiefgreifend verändern. Diesem Medienwandel in Gutenbergs Welt widmet sich der Blog bewegliche lettern.

Die Digitalisierung von Literatur ist weiter vorangeschritten, als es auf den ersten Blick erscheint. Schon lange wird Literatur von Autoren und Verlagsmitarbeitern vornehmlich in Form digitaler Daten gehandhabt: Der Autor schreibt in seinen Computer, übermittelt das Geschriebene als Datei an den Verlag, dieser übermittelt es nach vielen Bearbeitungsstufen ebenfalls als Datei an die Druckerei. Hier erst wird den ungreifbaren Daten die greifbare Form gegeben, in der das Geschriebene auf dem Marktplatz ankommt. Einem Marktplatz, dessen Vertriebsstrukturen, Bezahlmodelle, Händler- und Kundenrollen funktionieren wie auf dem Markt einer beliebigen anderen physischen Ware: Brettern, Kartoffeln, Ziegelsteinen.

Die dem Geschriebenen vom Ende her übergestülpte physische Form des Buches hat leicht verdecken können, dass nicht das Buch die Ware selbst ist, sondern nur Träger oder Verpackung des Geschriebenen. Inzwischen aber erreicht die Digitalisierung auch den Endkunden. Buchverlage werden nicht länger als Digital/Analogwandler arbeiten können, sondern Geschäftsmodelle finden müssen, die auch ohne analoge Komponente funktionieren. Wie zuvor auf dem Musikmarkt, als MP3-Dateien die Ablösung der Musik von physischen Trägermedien ermöglichten, kommt zunehmend auch Geschriebenes in Form von pdf, epub und ähnlichen Dateiformaten ohne eigenen physischen Datenträger beim Konsumenten an. Voraussetzung dafür ist die Verbreitung von Abspiel- bzw. Lesegeräten bei den Kunden: MP3-Player haben den Musikmarkt tiefgreifend verändert. E-Book-Reader werden dasselbe mit dem Buchmarkt tun.

Auf die Herausforderungen, die diese Veränderung stellt, reagiert ein großer Teil der Buchindustrie, zumal in Deutschland, mit Ablehnung, Verleugnung, Traditionalismus. Statt die neuen Möglichkeiten als Chancen zu begreifen und über die Veränderungen nachzudenken, die sie an den eigenen Geschäftsmodellen bewirken werden, verschanzt sich die Buchindustrie in ihren überkommenen Positionen. Lieber entsendet die Branche ein Heer von Lobbyisten, die dafür sorgen sollen, dass das herkömmliche Geschäftsmodell unter gesetzlichen Schutz gestellt wird, als darüber nachzudenken, wie sie sich durch Wandel und Anpassung an neue Realitäten nicht nur schützen, sondern weiterentwicklen kann. Als gäbe es nicht schon genug Gesetze, Sonderreglungen und Subventionen, die das überkommene Geschäftsmodell zementieren und dem notwendigen Wandel entgegenwirken: Von der Buchpreisbindung über den ermäßigten Mehrwertsteuersatz bis hin zu filigranen Detailreglungen wie dem ermäßigten Porto für Büchersendungen.

bewegliche lettern will den Medienwandel in Gutenbergs Welt mit offenem Blick beobachten: Nachrichten zu diesem Thema sammeln und kommentieren, Ideen einbringen und diskutieren. Das Themenfeld, das hier berührt wird, ist breit: Es reicht von technologischen Neuerungen über Copyright- und Urheberrechtsdiskussionen und verlegerische Geschäftsmodelle bis hin zu neuen Marketingmöglichkeiten für die veränderte Ware. Eine der spannendsten Fragen lautet: Wie wird die nonphysische Verbreitungsform auf das Geschriebene selbst zurückwirken: Wie wird dieser Medienwandel in Gutenbergs Welt die Literatur selbst, das Lesen von Literatur und das Schreiben von Literatur verändern? Denn auch das physische Buch ist in Wahrheit doch nie eine abnehmbare Verpackung gewesen, sondern hat die Literatur selbst immer auch mitgeformt.

Vor mehr als fünfhundert Jahren bewirkte die Einführung beweglicher Lettern im Buchdruck eine der größten medialen Revolutionen der Menschheit. Setzkästen wurden zum Grundgerüst nicht nur alles Geschriebenen sondern der Welt selbst, die nur noch aus dem Geschriebenen erklärbar und verständlich, konstruierbar war (kein Haus, für dessen Bau nicht Bücher benötigt würden). In den letzten fünfzig Jahren ist der Setzkasten kleiner geworden: Er braucht nun nur noch zwei Fächer: Eines für die Null, eines für die Eins. Aus diesem “Setzkasten aus Nullen und Einsen” (Friedrich A. Kittler) setzt sich jedoch weit mehr zusammen, als je zuvor gesetzt werden konnte. Nicht nur Geschriebenes kann mit diesem Code dargestellt werden, sondern bruchlos auch Audio- und Videoinhalte, Prozessanweisungen: Alles, was wir denken können, kann mit diesen Lettern gesetzt werden. Die Verkleinerung des Setzkastens zieht eine Ausweitung dessen, was mit ihm beschrieben und geschrieben werden kann, nach sich. Lettern sind gerade beweglicher geworden. Wer stehenbleibt, dem laufen sie davon. Wer sich in längst verlorene Stellungen eingräbt, wird ihnen bald nur noch von Ferne hinterherblicken können.

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Ein Kommentar zu “Über bewegliche lettern

  1. links for 2009-07-06 : Bibliothekarisch.de

    [...] Über bewegliche lettern — bewegliche lettern "Die Einführung von E-Books wird die Literatur und die Buchindustrie tiefgreifend verändern. Diesem Medienwandel in Gutenbergs Welt widmet sich der Blog bewegliche lettern. [...]

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