Roland Reuß: Open Access und die “Straftat gigantischen Ausmaßes”

Roland Reuß hat den Mut, seine Angst öffentlich zu gestehen. Auf seinem Eröffnungsvortrag zur Tagung “Autorschaft als Werkherrschaft in digitaler Zeit, die gestern in Frankfurt stattfand, machte er deutlich, wie sehr ihm davor graut, dass seine Werke durch Open Access im Internet den Barbaren anheimfallen könnten. Sein Vortrag steht konsequenter Weise nicht online, so dass ich mich im folgenden an die Berichte von Thierry Chervel für den Perlentaucher und Wolfgang Tischer für Literaturcafé halten muss. Thierry Chervel zufolge beklagte der Initiator des Heidelberger Appells die “allgemeine Respektlosigkeit der sogenannten Konsumenten” – vor allem jener im Internet:

“Es herrsche im Internet ein »hedonistischer und antiindividualistischer Furor, der leicht ins Kannibalistische abgleiten kann«. Gegen die »populistischen Diskurse« derer, die »alles gleich und umsonst haben wollen« brachte er das »geistige und sittliche Band zwischen Autor und Werk« in Anschlag. Er sei wie der Vater seiner Werke. Der von ihm beschworene Zwang zu Open Access und Googles Bemächtigung erschienen wie eine Entführung seiner Kinder in ein Stadion, wo sie dann ohne weitere Aufsicht einem entfesselten Mob ausgeliefert wären.”

Man kann sich ein wenig über die Gleichsetzung von Kindern mit wissenschaftlichen Werken wundern. Doch ist Angst um die eigenen Kinder kein Gefühl, für das man sich schämen müsste, und Fürsorglichkeit eine durchaus schickliche Tugend. Der Vergleich macht allerdings deutlich, wie tief Reuß’ Affekt gegen Open Access, ja gegen jede Art des unkontrollierten Zugriffs auf seine wissenschaftlichen Werke geht. Wer so spricht, fürchtet sich davor, dass irgendwelchen anonymen Anderen, und gar einer unüberschaubaren und unkontrollierbaren Zahl von ihnen, etwas anheim fallen könnte, was ihm am Herzen liegt. Mit anderen Worten: Reuß hat Angst vor dem “allgemein respektlosen” Publikum, Angst vor einem entfesselten Kritiker-”Mob”, Angst davor,

“was alles mit seinem Werk im Netz passieren könnte: Leute könnten es ändern, es könnte in Zusammenhängen stehen, die ihm nicht behagen. »Ein Autor kann etwas dagegen haben, sein Werk auf einer von Werbeeinnahmen finanzierten Plattform wiederzufinden.« Das ziehe ihn auf ein Niveau herab, auf dem er sich nicht heimisch fühle, es beschädige die Integrität seines Werks, mehr, es taste es innerlich an, mache etwas anderes, von ihm nicht Gewolltes aus dem Werk. Reuß prangerte auch Fehler an, die bei der Digitalisierung von Büchern passieren. »Dass ich als Autor für eine Textgestalt haftbar gemacht werde, die ich niemals autorisiert habe«, beklagte Reuß – alles in allem eine »Straftat gigantischen Ausmaßes«”

Nichts von dem, was Reuß hier laut Thierry Chervel beschreibt, ist schön – für “Straftaten gigantischen Ausmaßes” würden mir allerdings sehr andere Beispiele einfallen.

Veröffentlichen heißt immer auch ein stückweit, Kontrollverlust zu akzeptieren: Was einmal veröffentlicht ist, kann nicht zurückgeholt werden: Die Deutsche Nationalbibliothek würde noch so flehentlichem Bitten, eines reuigen Autors, sein Werk aus den Regalen zu entfernen, zurecht nicht Folge leisten. Das hängt damit zusammen, dass das Urheberrecht selbst, wie Volker Grassmuck von iRights.info in der Einleitung zu “Urheberrecht im Alltag” (pdf) verdeutlicht,

dazu dient, das »Recht der Allgemeinheit auf ungehinderten Zugang zu urheberrechtlich geschützten Gütern« sowie »das Interesse der Allgemeinheit, im Rahmen der Entwicklung der modernen Industriegesellschaft, zu vorhandenen Informationen und Dokumentationen einen unkomplizierten Zugang haben zu müssen,« zu sichern.

Reuß mag dergleichen nicht anfechten: “Eine Sozialbindung seines geistigen Eigentums erkannte er ausdrücklich nicht an”, resümiert Thierry Chervel. Wolfgang Tischer nimmt Reuss’ “reichlich romantisches und fast schon bis zur Unschuld verklärtes Bild von der Autor- und Urheberschaft” aufs Korn:

“Es ist ein dermaßen idealisiertes Bild, wie es sich wohl nur ein staatlich bezahlter Professor leisten kann, für den das Übel beginnt, wenn er sein Werk in die Freiheit entlässt. Für Reuß sind seine Werke wie Kinder, die er in einem guten Kindergarten wohlbehütet wissen will. Sein Kindergarten ist der Verlag. Bei einem Verlag zu publizieren, so Reuß, das sei schon etwas ganz anderes, als bei einer Suchmaschine ganz oben zu stehen. Die Kritiker [des Heidelberger Appells, Anm. bewegliche lettern], so sieht es Reuß, störe diese vertrauensvolle Beziehung zwischen Autor und Verlag.”

Für Reuß zeichnet es einen Verlag aus, dem Autor Nestwärme zu gewähren und so seine Kontingenzfurcht zu mindern. Nur gut, dass Reuß vorsorglich betonte, es gehe ihm nicht ums Monetäre, sondern rein um Persönlichkeitsrechte. Denn mit dem gängigen Geschäftsmodell eines Publikumsverlags, der mit dem Autor das Interesse an einer möglichst weiten Verbreitung seines Werkes gemein hat, lässt sich eine solche Einstellung wohl kaum vereinbaren.

Wolfgang Tischers Verweis auf das staatliche Bezahlmodell, an dem Reuß teilhat, trifft deshalb den Kern: In der geisteswissenschaftlichen Welt, zu der Reuß gehört, verdienen die Autoren mit Publikationen nur in Ausnahmefällen direkt Geld. Dort publiziert man in aller Regel unhonoriert, bisweilen gegen Druckkostenzuschüsse, die aus der eigenen Tasche oder aus Fördermitteln zu entrichten sind. Indirekt werden die Autoren dadurch entlohnt, dass sie sich mithilfe ihrer Publikationen eine Stellung im staatlich finanzierten Wissenschaftssystem erarbeiten können. Dank Druckkostenzuschuss und da die größtenteils institutionellen Abnehmer wissenschaftlicher Publikationen diese ohnedies beinahe um jeden Preis erwerben müssen, sind Wissenschaftsverlage der Mühe einer auf ein breiteres Publikum zielenden Pressearbeit zum großen Teil enthoben.

In Reuß’ Augen scheint der Druckkostenzuschuss somit sicherzustellen, dass man behaglich unter sich bleibt und der “Mob” außen vor. Zahlen für die Exklusivität: Das Geschäftsmodell von Wissenschaftsverlagen als exklusiver Club verstanden. Nur gibt es den Schönheitsfehler, dass das Geld, das da ausgegeben wird, vom Staat kommt. Oder, wie die Verfechter des Heidelberger Appells selbst formulieren: “daß es der Öffentlichkeit nicht zuzumuten sei, für Wissenschaft zweimal zu bezahlen – einmal auf der Produktionsseite durch Entlohnung und Förderung der Wissenschaftler und ein zweites Mal als Konsument von (überteuerten) Verlagserzeugnissen.”

Roland Reuß hat sich mit seinen bemerkenswerten Kleist und Kafka-Editionen einen Namen gemacht. Neben seinen wissenschaftlichen Werken, bei deren Verbreitung er die geschilderte schamhafte Zurückhaltung pflegt, hat seine Publikationstätigkeit noch einen rüstigen Seitenzweig: Man wird sich an Roland Reuß dereinst als an einen großen Verfasser von Appellen erinnern. Mit diesen Appellen hält Reuß nicht hinterm Berg: Sie sind kraftvoll formuliert, schrankenlos online einsehbar und gelten vor allem der eigenen Sache.

Mit dieser von seiner wissenschaftlichen so deutlich unterschiedenen Publikationsstrategie ist Reuß überaus erfolgreich: Der Heidelberger Appell hat ein bemerkenswertes Medienecho hervorgerufen. Um ihn hat sich eine Menge von bisher 2634 Unterzeichnern geschart: Bedeutende Schriftsteller, Größen des Geisteslebens, Zeitungs- und Buch-Verleger – alles, nur kein “entfesselter Mob”.

Und der Heidelberger Appell war nicht der erste, den Reuß’ Institut für Textkritk lancierte. Als im Oktober 2006 die Deutsche Forschungsgemeinschaft entschied, die von Reuß zusammen mit Peter Staengle erstellte historisch-kritische Kafka-Ausgabe nicht weiter zu fördern, wandte sich die Fachwelt in einem – auf der Website des Instituts nach wie vor schrankenlos zugänglichen -  Offenen Brief an den damaligen DFG-Präsidenten Ernst-Ludwig Winnacker. Auch damals fand der Appell keinen “entfesselten Mob”, sondern eine zahlreiche Schar namhafter Unterstützer. Die DFG blieb dennoch bei ihrer umstrittenen Entscheidung. Für Wolfgang Tischers Mutmaßung, dass hinter Reuß’ gegen die DFG gerichtetem Heidelberger Appell eine “private Fehde von Roland Reuß mit der DFG” stehe, gibt es also durchaus ein Indiz.

Man mag sich wünschen, dass Reuß aus der öffentlichen Wirksamkeit dieser Appelle auf die Chancen eines ebenso schrankenlos öffentlichen wissenschaftlichen Publizierens schließen würde. Bisweilen müssen Vorbehalte und Tabus im Interesse der Wissenschaft überschritten werden. Franz Kafka appellierte in seinem letzen Willen an Max Brod, seine Manuskripte “restlos und ungelesen zu verbrennen”. Max Brod widerstand dem Wunsch des Freundes und veröffentlichte sie. Das war nicht im Sinne der “Autorschaft als Werkherrschaft”, aber zweifellos verdienstvoll. Dass Roland Reuß zusammen mit Peter Staengle gegenüber der arg verfälschenden Kafka-Ausgabe Brods den Urtext der Manuskripte mit der historisch-kritischen Edition wieder sichtbar gemacht hat, ist eine literaturwissenschaftliche Tat gigantischen Ausmaßes. – Und, wenngleich der “Werkherrschaft” und dem bekundeten Willen des Autors entgegengesetzt, ganz gewiss keine “Straftat”.

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3 Kommentare zu “Roland Reuß: Open Access und die “Straftat gigantischen Ausmaßes””

  1. Autorschaft als Weltherrschaft

    [...] erschienen (siehe z.B. im Perlentaucher von heute), aber ich möchte noch auf den Blogeintrag in Bewegliche Lettern hinweisen, wo auf Reußens Appellierfreunde hingewiesen wird, die sich durchaus im Gegensatz [...]

  2. links for 2009-07-17 : Bibliothekarisch.de

    [...] Roland Reuß: Open Access und die “Straftat gigantischen Ausmaßes” — bewegliche lette… "Man kann sich ein wenig über die Gleichsetzung von Kindern mit wissenschaftlichen Werken wundern. Doch ist Angst um die eigenen Kinder kein Gefühl, für das man sich schämen müsste, und Fürsorglichkeit eine durchaus schickliche Tugend. Der Vergleich macht allerdings deutlich, wie tief Reuß’ Affekt gegen Open Access, ja gegen jede Art des unkontrollierten Zugriffs auf seine wissenschaftlichen Werke geht. Wer so spricht, fürchtet sich davor, dass irgendwelchen anonymen Anderen, und gar einer unüberschaubaren und unkontrollierbaren Zahl von ihnen, etwas anheim fallen könnte, was ihm am Herzen liegt." (tags: urheberrecht Geistiges_Eigentum roland_reuss open_access Medienwandel wissenschaftliche_werke Heidelberger_Appell 07/2009 2009) [...]

  3. links for 2009-07-18 « Nur mein Standpunkt

    [...] Roland Reuß: Open Access und die “Straftat gigantischen Ausmaßes” — bewegliche lettern In Reuß’ Augen scheint der Druckkostenzuschuss somit sicherzustellen, dass man behaglich unter sich bleibt und der “Mob” außen vor. Zahlen für die Exklusivität: Das Geschäftsmodell von Wissenschaftsverlagen als exklusiver Club verstanden. Nur gibt es den Schönheitsfehler, dass das Geld, das da ausgegeben wird, vom Staat kommt. (tags: bibliothekarisches) [...]

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