Open Source statt Memory Hole? Txtr gelobt Transparenz, Vodafone ziert sich

Das Aufsehen um Amazons eigenmächtige Löschung mehrerer E-Books von allen im Umlauf befindlichen Kindle-Lesegeräten konnte man von Deutschland aus bisher mit einer gewissen Gelassenheit betrachten: Der Kindle wird hierzulande bisher nicht angeboten, so dass hier niemand unmittelbar betroffen war. In Deutschland bereits verfügbare E-Reader wie der Sony Reader PRS 505 verfügen im Unterschied zum Kindle nicht über Zugang zu einem Drahtlosnetzwerk, über das entsprechende Löschaktionen durchgeführt werden könnten. Mit Txtr (vormals Wizpac) und Vodafone stehen allerdings zwei Unternehmen in den Startlöchern, die noch diesen Herbst E-Reader mit Drahtlosfunktion anbieten wollen. Wir haben bei ihnen nachgefragt, ob auch auf diesen Geräten ein Löschszenario wie bei Amazon möglich sein wird. Während Vodafone sich in seiner Antwort spürbar zurückhielt, sichert txtr seinen Nutzern Transparenz, den Schutz der eigenen Daten und Besitzrechte an erworbenen E-Books zu.

Konkret hatten wir den beiden Unternehmen u.a. die folgenden Fragen gestellt:

  • Welche Rechte werden Ihre Kunden an den über den Mobilfunkservice erworbenen E-Books haben: Besitzrechte oder lediglich Nutzungsrechte?
  • Werden Sie sich in den Nutzungsbedingungen des Mobilfunkservices Ihres E-Readers das Recht vorbehalten, ohne Nutzerzustimmung auf E-Books, die auf dem Lesegerät gespeichert sind, zuzugreifen und diese unter bestimmten Umständen auch zu löschen?
  • Werden Sie die Möglichkeit haben, auch auf weitere (nicht E-Book) Dokumente zuzugreifen, die auf den Lesegeräten gespeichert sind?
  • Werden Sie den Nutzern Ihrer E-Reader eine Möglichkeit einräumen, Mobilfunkzugriffe auf die auf den E-Readern gespeicherten Daten (E-Books und andere Daten), abzublocken oder generell zu verweigern? Wird für Nutzer, die sich zum Blocken solcher Zugriffe entscheiden, trotzdem weiterhin die Möglichkeit gegeben sein, den Mobilfunkservice ihres E-Readers zum Erwerb von E-Books zu nutzen?

Vodafone-Sprecher Thorsten Höpken antwortete mit allgemeinem PR-Sprech à la “bester Service und Sicherheit für unsere Kunden sind uns enorm wichtig.” Konkret ging er nicht auf die gestellten Fragen ein und wollte auch “zum jetzigen Zeitpunkt lediglich bestätigen, dass Vodafone die Absicht hat, einen ePaper Service zu starten.” In welcher Form das Angebot realisiert werde, sei “aktuell noch völlig offen.” – Womit auch die Fragen nach der Sicherheit der Nutzer des geplanten E-Readers vor Überwachung und Löschung eigener Daten oder heruntergeladener E-Books durch Vodafone vorerst “völlig offen” bleiben. Es ist zu hoffen, dass Vodafone hier in der Zukunft noch spezifischer wird.

Txtr gab sich kommunikativer. Txtr-Sprecher Fabian Heinrich teilte uns auf unsere Fragen hin mit, dass txtr “auf keine Fälle […] ohne Nutzerzustimmung auf gespeicherte Ebooks” oder weitere auf dem Lesegerät gespeicherte Dokumente zugreifen wird. Er verwies dazu auf die “klare Produkt-Strategie” des Unternehmens:

“APIs, Schnittstellen und Geräte-Sourcecodes sind bei uns offen. Nur so ist Transparenz möglich und so schaffen wir das Vertrauen, dass dergleichen [wie Amazons Löschaktion] bei uns nicht passiert. Der einzige, der bei uns im ‘privaten Bereich’ eines users was löschen kann, ist der user selbst.”

Interessant an dieser Formulierung ist, dass es offenbar neben einem für txtr zugänglichen Bereich einen dem Nutzer vorbehaltenen Bereich auf den txtr-Readern geben wird. Eine Möglichkeit für die Nutzer, Zugriffe des Providers abzublocken, wird es jedoch nicht geben, da dies nach Auffassung von txtr “bei unserem Modell schlicht nicht notwendig” sei.

Die spannendste Antwort hat txtr allerdings auf die Frage nach Besitz- oder Nutzungsrechten erworbener E-Books parat. Die txtr-Nutzer werden “natürlich die Besitzrechte” an diesen haben, beteuert Fabian Heinrich.

Txtr wird sich an diesen recht weitreichenden Statements messen lassen müssen, wenn sein E-Reader demnächst auf den Markt kommt.

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4 Kommentare zu “Open Source statt Memory Hole? Txtr gelobt Transparenz, Vodafone ziert sich”

  1. Joachim Güntner

    Sie zitieren Fabian Heinrich mit der Aussage: “Die txtr-Nutzer werden “natürlich die Besitzrechte” an diesen haben.” Könnte es sein, dass txtr keine Ahnung vom Buchmarkt und vom Urheberrecht hat? Bisher ist es so, dass Käufer von E-Books, sei es in den USA oder bei uns, nur ein Nutzungsrecht (eine Lizenz) am Text erwirbt. Kein “Besitzrecht” wie an einer Sache. Dass ändert aber nichts daran, dass eine Löschaktion von Amazon juristisch nicht haltbar war bzw. wäre. – Lustig finde ich, dass jetzt oft die gleichen Leute, denen das Recht das Urhebers an seinem Werk nichts gilt, und die mit Wonne kopieren, nun darüber lamentieren, dass sie ihre E-Books nicht besitzen, wenn sie ausnahmsweise mal bezahlen… Oder täuscht mein Eindruck?

  2. Fabian Heinrich

    Lieber Herr Güntner,

    ein wenig Ahnung haben wir inzwischen schon. ;-) Txtr kann natürlich nichts an den geltenden e-book Standards ändern. Darauf zielte die Frage von Bewegliche Lettern – so wie ich sie verstanden habe – auch nicht ab.

    Worauf es ankommt: Wenn jemand ein ebook auf den txtr reader geladen hat, wird niemand es mehr davon löschen können. Nur der Nutzer selbst. Damit besitzt er faktisch das Werk, juristische Spitzfindigkeiten hin oder her.

  3. Joachim Güntner

    Lieber Herr Heinrich,

    die juristischen Spitzfindigkeiten, wie Sie das nennen, können manchmal unvermutet und unerwünscht eine Rolle spielen. Mögen Ihre E-Book-Käufer dereinst davon verschont bleiben :-) Mir ging es im Kommentar nur darum, den kategorialen Unterschied zwischen Nutzungsrecht und Lizenz festzuhalten. Als Amazon seine Löschaktion vornahm, gab es wütende amerikanische Kommentare, derart, dass Amazon dann ja gleich Leute schicken könnte, welche die Bücher bei den Buchkäufern aus den Regalen in der Wohnung entwenden. Aber diese Analogie ist eben aufgrund des Unterschieds von Lizenz und Besitzrecht schief. Festhalten muss man, dass txtr nur ein Händler ist, der nicht selber verlegt, sondern von Verlagen (oder vielleicht auch Urhebern im Selbstverlag, was weiss ich) LIZENZEN erwirbt. Keine Besitztümer. Ergo können Sie an Ihre Käufer auch nur Lizenzen weitergeben. Und nur einmal theoretisch angenommen, der Verlag hätte für ein Buch eine BEFRISTETE Lizenz erteilt, so könnte txtr diese Befristung nicht aufheben. – Soweit muss es in der Praxis nicht kommen, aber im Hinterköpfchen sollten E-Book-Käufer den Unterschied zwischen Lizenz und Besitz einer Sache schon behalten. Den Unterschied erkennt man auch daran, dass ein Buchkäufer im Laden auf keine AGB achten muss, beim E-Book-Kauf hingegen schon.

    Besten Gruß
    Joachim Güntner

  4. Joachim Güntner

    Oh, pardon, da ist mir bei der Replik im dritten Satz ein Fehler unterlaufen. Richtig muss es natürlich heißen: Mir ging es im Kommentar nur darum, den kategorialen Unterschied zwischen Besitzrecht einerseits, Nutzungsrecht bzw. Lizenz andererseits festzuhalten.

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