Lesenswert: Susanne Gaschke droht an, zu verstummen

In der aktuellen “Zeit” berichtet Susanne Gaschke, aber leider (noch) nicht online, von einem Besuch beim Bundesparteitag der deutschen Piratenpartei. Wer Gaschkes vorigen Artikel über die Piraten gelesen hat, wird keine Unvoreingenommenheit erwarten. Und auch keine Überraschung erleben: Wenn ich richtig zwischen den Zeilen lese, suggeriert Gaschke, dass die “jungen Männer” der Piratenpartei, die den Computer als “Bestandteil ihres Körpers” verstehen, letztlich nur von digitaler Kastrationsangst zum politischen Engagement getrieben werden. La-la.

Interessant ist aber der Schlussabsatz. Wenn sich die Auffassung der Piraten vom Urheberrecht durchsetzt, so Gaschke, wäre

“die Konsequenz [...] leider, dass die Urheber künftig öfter überlegen werden, ob sich die Veröffentlichung ihrer Ideen, ihrer  wissenschaftlichen Arbeiten oder ihrer Kunst noch lohnt. Kommt es so, dann gibt es auch für die Digitalrevolutionäre irgendwann nichts mehr zu verteilen.”

Interessant ist dies, weil es so abgedroschen und doch so spürbar abwegig ist. Es ist wichtig, dass Menschen, die vom Schreiben leben, auch weiter vom Schreiben leben können. Aber es ist doch andererseits so, dass für die meisten Schreiber der Lohn nicht das ist, was sie zum Schreiben bringt. Deswegen würde selbst im worst case einer gänzlich ausbleibenden Honorierung der Urheber das Geschriebene nicht versiegen. Und dank der kostenfreien Publikationsmöglichkeiten, die das digitale Zeitalter zur Verfügung stellt, auch nicht unveröffentlicht bleiben müssen.

In den meisten schreibenden Disziplinen funktioniert die Entlohnung ohnehin schon heute nicht über eine direkte Honorierung des Geschriebenen. Sondern das Geschriebene ist ein Einsatz, mit dem die Schreibenden in andere Bezahlungssysteme hineinkommen. Das Paradebeispiel hierfür ist das wissenschaftliche Publizieren, das in aller Regel nicht nur nicht direkt vergütet wird, sondern bisweilen sogar in Form sogenannter Druckkostenzuschüsse für Qualifikationsschriften erhebliches Geld kostet. Ihren Lebensunterhalt verdienen die Wissenschaftler dadurch, dass sie in den staatlich und aus Fördergeldern der Wirtschaft bezahlten Wissenschaftsbetrieb aufgenommen werden: Wer oft und gut genug for free publiziert hat, dem weht ein milder C4.

Im Literaturbetrieb ist das nicht grundlegend anders, wenn auch weniger formalisiert: Die Einnahmen aus Stipendien und Preisen dürften für die meisten einigermaßen erfolgreichen Autoren die direkten Honorare übertreffen. Wer aber nicht das Glück hat, in den Wissenschaftsbetrieb oder den Literaturbetrieb hineinzurutschen, schreibt oder publiziert der am Ende weniger? Ein Gang in die Berliner Staatsbibliothek belehrt einen eines besseren: Im Lesesaal findet man eine stattliche Anzahl offensichtlich geringverdienender, aber mit Hingabe forschender und schreibender Menschen. Sie hält der ausbleibende oder geringe Verdienst nicht vom Schreiben ab.

Und wenn sie schlicht keine Zeit mehr zum Schreiben hätten, da Brotarbeiten sie zu sehr beanspruchten? Nicht jeder ist Kafka, aber Kafka hat’s auch neben seiner Tätigkeit als Versicherungsbediensteter geschafft, zu schreiben. Obwohl Musil und Benjamin zeitweise am Hungertuch nagten, haben sie ihr Schreiben nicht eingestellt.

Auch die Mehrzahl der aus dem Boden schießenden Blogger (bekanntlich keine Kafkas, Musils, Benjamins) schreiben nicht für Geld. Wer zu schreiben hat, schreibt. So war es immer, und es bestehen glänzende Aussichten, dass es auch weiterhin so sein wird. Eine entwickelte Gesellschaft muss natürlich dafür sorgen, dass Schreibende ein Auskommen haben. Dies auch unter den Voraussetzungen einer digitalisierten Medienlandschaft zu gewährleisten, ist eine anspruchsvolle gesellschaftliche Aufgabe, die keine Partei (bestimmt nicht die Piraten) allein wird lösen können.

Dass eine wie immer geartete Veränderung des Urheberrechts etwas am Mitteilungs- und Kommunikationsbedürfnis von Menschen ändern würde, ist aber schlicht absurd. Ob Susanne Gaschke uns wirklich ihre Meinung vorenthalten würde, wenn sie niemand mehr dafür bezahlt, sie niederzuschreiben? Hoffentlich nicht, liebe Frau Gaschke!

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6 Kommentare zu “Lesenswert: Susanne Gaschke droht an, zu verstummen”

  1. evaclaudia

    Der übliche Unsinn von Leuten, die keine Profis sind und die deshalb keine Ahnung haben, wie Journalismus funktioniert. Erstens verdient ein Schreiber mitnichten das meiste Geld mit Stipendien, das glauben nur ewige Studenten, nein, in der Erwachsenenwelt kommt das Geld heute noch ganz traditionell über Honorare herein. Und zweitens würde das immer noch nicht rechtfertigen, Texte zu klauen. Wenn Sie, lieber Herr Rohde, einen Laptop besitzen, den Sie sich vom Bafög gekauft haben, hätten Sie bestimmt was dagegen, wenn ich den einfach mitgehen lasse.

  2. Marc Trebies

    Da haben Sie ja ein Argument entkräftet – evaclaudia. Aber die anderen bleiben (und das sind die doch gewichtigeren). Die Geschäftsmodelle die jetzt natürlicherweise so stur verteidigt werden sind sehr neu. Kunst und Literatur sind viel älter. Und wenn ich mal so auf die Schnelle einen Blick über mein Bücherregal werfe, dann waren die allermeisten Autoren die ich dort finde vom Schreiben besessen und viele von Ihnen waren vielleicht deswegen auch bettelarm. Der Börsenverein oder auch viele Labels der Musikindustrie tun heute aber so, als sei das heutige Entlohnungsmodel etwas Gottgegebenes.
    Die Zeiten ändern sich aber auch trotz aller Kritik – und das ist gut so.

  3. evaclaudia

    Ja, lieber Marc, früher wurden Leute, die nicht adlig waren, meist überhaupt nicht bezahlt. In England und den USA gab es Sklaverei, Leibeigenschaft war in Preußen üblich, und sogar bis 1945 gab es in Deuschland Zwangsarbeit. Die Löhne von Arbeitern und Kleinbauern lagen noch unter dem, was so ein “armer Poet” verdiente. Entlohnung ist keineswegs etwas Gottgegebenes, das wurde mühevoll erkämpft.

    Aber wie Sie selber sagen, die Zeiten ändern sich.

    Ich weiß übrigens nicht, was Sie in Ihren Bücherregal haben, aber der Mythos vom “armen Poeten” ist ein Mythos. Goethe, Hemingway und Oscar Wilde waren Spitzenverdiener ihrer Zeit.

  4. evaclaudia

    Hier habe ich übrigens noch eine prima Idee: Schafft das Bafög ab! Die besten Studenten sind die, die lernen wollen und nicht ihren Hintern im Warmen einer Uni parken. Wer lernen will, tut dies immer. Marie Curie hat auch am Hungertuch genagt. Und im Lesesaal jeder Univesitätbibliothek findet man eine stattliche Anzahl offensichtlich geringverdienender, aber mit Hingabe forschender Studenten,

    Statt dessen könnten besonders begabte Studenten Stipendien beantragen oder Blogs schreiben, durch die sie später mal in andere Bezahlsysteme hereinkommen. So war es früher auch.

    Mit dem gesparten Geld könnte wiederum die Kulturflatrate finanziert werden. Das Geld darauf wird an erwachsene Künstler und freie Journalisten und Autoren ausgeschüttet, bevorzugt an Frauen.

  5. Marc Trebies

    Die drei sind aber ein wirklich kleiner Ausschnitt aus der Literaturgeschichte. Hätte ich mein Kindler nicht schon verkauft, hätte ich es Ihnen jetzt geschenkt.
    Aber die Diskussion ist doch wirklich völlig sinnlos. Es ist zwar schön, wenn jemand noch Träume hat, aber im Anbetracht technischer Fakten ist es mehr als Unwahrscheinlich, dass das Bedürfnis Dateien zu tauschen auch nur annähernd unter Kontrolle gehalten werden kann. Und man wird es dann ja auch noch nicht mal mehr merken, wenn statt den Dateien nur noch Truecryptcontainer getauscht werden.
    Übrigens war ich selber 10 Jahre lang Buchhändler und ich bin den Dozenten in Frankfurt Seckbach immer noch dankbar für Ihren prägenden Unterricht. Danach hab ich mir dann den Luxus gegönnt noch einmal zu studieren, einfach aus Interesse heraus, mit 5000 Euro Schulden auf dem Bankkonto. Die Schulden sind immer noch da, aber mein Leben war wenigstens nie schwarz weiß.

  6. hn

    Grundproblem der Industrie ist meines Erachtens, dass sie immer noch davon ausgehen, das Publizieren selbst sei mit Kosten verbunden. Das ist natürlich falsch, dank Internet blah blah, und sogar auf totem Holz kostet es dank Book on Demand nichts (für die Autoren), bzw. nicht nennenswert mehr für die Leser. Gut, der Anteil für die Autoren mag kleiner ausfallen, dafür gibts für jedes verkaufte Exemplar den (variablen) Aufschlag, und nicht Pauschale. (dafür natürlich nicht vorab).

    Da die Industrie gar nicht mehr am Publishing derjenigen beteiligt ist, die nur, um es auch zu veröffentlichen schreiben, weil die es eben selbst tun, ist ihr Argument eigentlich wieder gültig: Die Autoren, die durch die Industrie publizieren, die würden das nicht machen, gäbe es kein Geld dafür.

    Und so zeigt sich eben, dass wir es hier mit dem guten alten Lobbyproblem zu tun haben: die Lobbyvereinigung behauptet die Gesamtheit (hier der Autoren) zu vertreten, dabei geht es nur um einen Teil (die Autoren, die es für Geld tun), und das wird geschickt verschwiegen (und natürlich vom Ziel, der Politik nicht bemerkt).

    Um klarzustellen woher dieses Lüftchen kommt: bin persönlich gegen die Kulturflatrate und dieses derart lange Copyright (sagen wir mal 20a reichen). Große Teile der Copyrightproblematik könnten wir einfachst umgehen, wenn wie die Verwertungsgesellschaften entmachten. Aber dafür bräuchte es einfach weniger Deppen die ihnen ihre Seele verkaufen.

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