Kindle 1984: Jeff Bezos sagt Sorry, lässt alle Fragen offen.

Amazon-CEO Jeff Bezos hat sich in einem Post auf der Kindle-Community-Plattform dafür entschuldigt, dass Amazon vergangene Woche zentral per Mobilfunkanbindung (“Whispernet”) zwei E-Books von allen im Umlauf befindlichen Kindle-Geräten gelöscht hat. Amazons Vorgehen war weithin kritisiert worden, da es augenscheinlich im Widerspruch zu den Amazon-eigenen Nutzungsbedingungen des Kindle stand und die Kindle-Nutzer vor vollendete Tatsachen stellte.

Dass es sich bei den gelöschten E-Books unter anderen ausgerechnet um George Orwells Dystopie Nineteen Eighty-Four handelte, gab der in der Löschaktion zutage tretenden Datenschutz-Problematik und dem wahrgenommenen Eingriff in die persönliche Sphäre der Kindle-Nutzer einen besonders bitteren Beigeschmack. Der Kindle-Fall wurde schnell zu einem Beispielfall für den Schwund von Kundenrechten durch die Nutzung sogeannter “tethered devices”, den etwa Christian Stöcker in einem äußerst lesenswerten Artikel auf  Spiegel Online darstellt. Ein größerer PR-Gau für Amazon hätte auch bei sorgfältiger Vorausplanung kaum erdacht werden können.

Jeff Bezos räumt in seinem knappen Beitrag nun ein, dass Amazons Vorgehen “dumm, gedankenlos und ein schmerzhafter Verstoß gegen die eigenen Prinzipien” gewesen sei. Er versichert, dass das Unternehmen aus dem Fehler lernen und in Zukunft bessere Entscheidungen treffen wolle. Im Kindle-Forum stieß dieser Kniefall auf geradezu enthusiastische Erleichterung.

Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sämtliche Fragen, die Amazons Sündenfall aufwirft, nach wie vor unbeantwortet sind. Bezos’ Entschuldigung trägt nichts zur Klärung der durch den Vorfall zutage getretenen Fragen bei:

  • Sind die Kindle-User Besitzer von Kopien der erworbenen E-Books oder wird ihnen mit dem ‘Kauf’ lediglich ein beschränktes Nutzungsrecht eingeräumt?
  • Wie sicher sind sie davor, dass persönliche Daten, die sie auf den Kindle geladen haben, über das “Whispernet” von Amazon mitgelesen oder manipuliert werden?
  • Wer entschädigt diejenigen, denen durch Amazons Löschzugriff Schaden an eigenem geistigen Eigentum entstanden ist, da ihre Notizen und Anmerkungen, die sie sich auf dem Kindle zu den gelöschten E-Books gemacht hatten, gleich mitgelöscht wurden?

Vor allem aber lässt Bezos die Frage offen, ob sich Amazon auch in Zukunft ähnliche zentrale Löschaktionen ohne Einverständnis seiner Kunden vorbehält. Die sehr breit auslegbare Aussage des Amazon-Sprechers Drew Herdener in der vergangenen Woche (“We are changing our systems so that in the future we will not remove books from customers’ devices in these circumstances”) bleibt in ihrer Mehrdeutigkeit stehen: Es ist abzuwarten, unter welchen “circumstances” Amazon in Zukunft zu ähnlich drastischen Maßnahmen greifen wird.

“Sorry” ist bisweilen eben nicht “the hardest word“, sondern die leichteste Ausflucht von allen.

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2 Kommentare zu “Kindle 1984: Jeff Bezos sagt Sorry, lässt alle Fragen offen.”

  1. Amazon steigert Umsatz, entschuldigt sich für 1984-Affäre » Debatte » lesen.net

    [...] Unternehmen im Hintergrund fesseln. In diesem Zusammenhang wird Bezos’ Entschuldigung auch daran gemessen, ob Amazon jetzt Taten in Form von klaren Regelungen folgen lassen [...]

  2. Ronald

    Tja. Dem Prinzip ilesen grundsätzlich nicht abgeneigt, haben wir uns vor paar Monaten ein bißchen mit Verschwörungstheorien amüsiert. “Remote control” lag natürlich immer nah, aber irgendwie lautete der Tenor schließlich “amazon doch nicht”, “nicht SO platt und doof”, “nicht lebensmüde”.
    Aber schau an.
    Jetzt wird sich erstmal (?) keiner von uns Paranoikern so ein Gerätchen anschaffen. PR-SuperGAU, und wohl verdient.

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