Lesenswert: Bücherregale sterben aus. Wälder erleichtert.

In der Süddeutschen Zeitung widmet Gerhard Matzig dem Bücherregal einen lesenswerten Nachruf:

„Das Buchregal stirbt aus – noch bevor die E-Books in unserem Leben eine massentaugliche Rolle spielen, die keine Regale mehr benötigen, sondern nur den großen Speicher des Internet. Das in aller Regel hölzerne Medium »Buchregal« verflüchtigt sich – lange bevor sein Daseinszweck, das bislang papierene (also auch hölzerne) Medium »Buch« aufhört zu sein. (Welch ungeheure Regeneration dies für die Wälder bedeuten kann, die nicht mehr Kultur sein müssen, sondern wieder Natur sein dürfen, ist gar nicht vorstellbar.)“

Eine Alterspyramide der Billys und Ivars oder ähnlich konkrete Statistiken, die seine These untermauern könnten, legt Matzig allerdings höchst bedauerlicherweise nicht vor.

Als Grund für das Aussterben von Bücherregalen nennt Matzig veränderte Ansprüche an Innenarchitektur und das Aufkommen neuer Werkstoffe, die Transparenz und Transluzenz ermöglichen, denen die Bücherregale buchstäblich im Weg stünden. – Ein interessanter Aspekt. Aber wohin derweil mit den Büchern? Ich habe das Gefühl, dass das erleichterte Aufseufzen der skandinavischen Fichtenwälder verfrüht sein könnte: Bis sich E-Books soweit durchgesetzt haben, dass man keine Regale mehr braucht, dürfte noch Zeit vergehen, in der wir irgendwo in unserer Wohnung unseren Büchern Platz einräumen müssen – das Regal scheint da doch die pragmatischste Lösung.

Und eine der interessantesten Fragen spart der Artikel aus: Wenn die Bücherregale im Zeitalter des gedruckten Buches zur Präsentation der eigenen Bildung (oder zumeist doch nur: der angestrebten eigenen Bildung) dienten – wie wird man dann im Zeitalter der nonphysischen Bücher Bildung repräsentieren? Virtuelle Bücherregale wie BookGlutton oder ähnliche social web-Applikationen, die sich um Bücher und Texte gruppieren scheinen mir dafür der aussichtsreichste Kandidat zu sein. Denn dass das Bedürfnis, den eigenen Bildungsanspruch sichtbar zu demonstrieren, mit der Umstellung der Literatur auf einen nonphysischen Träger ersatzlos wegfallen sollte, kann ich mir nicht recht vorstellen.
(Das Anzeigenprogramm von Google beweist übrigens Ironie, indem es unter diesen Artikel eine Anzeige für „Wandregale Holz oder Glas“ stellt).

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